Mit zwölf bekam Sangeetha ihre erste Periode – und niemand hatte sie darauf vorbereitet. Heute, fast zwanzig Jahre später, leitet sie in Tamil Nadu das Projekt Happy Periods und tut genau das, was ihr damals so sehr gefehlt hat: Sie redet. Sie klärt auf. Sie hört zu. In Schulen, Innenhöfen und unter Kokospalmen begegnet sie Mädchen, Müttern und manchmal auch skeptischen Dorfältesten – und erlebt dabei, wie aus Sprachlosigkeit Vertrauen wird. Eine persönliche Geschichte über Mut, Wandel und die leisen Anfänge grosser Veränderungen.

Mein Name ist Sangeetha. Ich bin 31 Jahre alt, als Pflegefachfrau Teil der Mobilen Klinik und Projektleiterin von Happy Periods. Dabei begann alles ganz leise. Ich wuchs in einem kleinen Dorf ausserhalb von Tiruvannamalai auf, in einem Haushalt mit vier Geschwistern. Mein Vater war Lastwagenfahrer, meine Mutter Näherin. Wenn ich heute zurückdenke, erinnere ich mich vor allem daran, wie wenig gesprochen wurde. Schon gar nicht über Dinge, die mit dem eigenen Körper zu tun hatten.

Als ich mit zwölf meine erste Periode bekam, dachte ich, mit mir stimme etwas nicht. Ich hatte Angst. Niemand hatte mir erklärt, was da mit mir geschah. Meine Mutter gab mir ein Tuch und sagte, ich solle niemandem davon erzählen. Ich gehorchte. Und schwieg.

Vielleicht war das der Anfang. Vielleicht hat mich genau diese Sprachlosigkeit später dazu gebracht, meinen Beruf zu wählen – und schliesslich dieses Projekt zu übernehmen. Seit zwei Jahren leite ich bei der Regenboog India Foundation das Menstrual-Hygiene-Awareness-Project. Unser Ziel ist es, genau das zu tun, was ich damals so sehr gebraucht hätte: offen reden. Aufklären. Zuhören. Und Mädchen zeigen, dass mit ihnen alles stimmt.

Woche für Woche reist mein kleines Team in Schulen und Dörfer. Wir setzen uns in Klassenzimmer, in Innenhöfe, auf Plastikstühle unter Kokospalmen. Wir sprechen mit Mädchen, Lehrerinnen, Müttern, manchmal auch mit skeptischen Dorfältesten. Es ist nicht immer einfach. Aber es lohnt sich jedes Mal.

Wir zeigen anschaulich, was während des Zyklus im Körper passiert. Wir bringen verschiedene Menstruationsprodukte mit – viele haben noch nie eine Binde gesehen. Und wir beantworten Fragen, die sonst nie gestellt würden: Was ist normal? Was tun bei starken Schmerzen? Was bedeutet es, wenn man unregelmässig blutet?

Eine unserer wichtigsten Ressourcen ist das Handbuch Happy Periods, das wir eigens dafür entwickelt haben. Es ist bunt, klar, leicht verständlich – und wird von den Mädchen wie ein kleiner Schatz nach Hause getragen. Manche verstecken es unter der Matratze. Andere zeigen es stolz ihren Freundinnen. Ich weiss das, weil sie es mir erzählen. Oder weil ich es sehe, wenn ich Wochen später wiederkomme.

Eine Geschichte werde ich nie vergessen: In Vedanatham ging ein Mädchen nach dem Unterricht zu seiner Lehrerin und sagte: «Sagen Sie Sangeetha, ich hab keine Angst mehr. Ich hab’s verstanden.» Ich musste weinen, als ich es hörte. Vor Rührung. Und ein bisschen auch wegen des Mädchens, das ich selbst einmal war.

Doch das Projekt endet nicht in den Schulen. In vielen Dörfern arbeiten wir mit Frauenselbsthilfegruppen. Wir führen Gespräche mit Erwachsenen, machen praktische Demonstrationen und bauen langsam Vertrauen auf. Neulich rief eine Frau aus Chengam unsere Notfallnummer an. Sie blutete stark und hatte sich nicht getraut, mit jemandem zu reden. Meine Kollegin Pachaiyammal konnte ihr medizinische Hilfe vermitteln. Heute geht es ihr wieder gut.

Wenn ich davon erzähle, sagen manche: Du hast Mut. Ich finde: Die Mädchen haben Mut. Sie hören zu, stellen Fragen, erzählen einander, was sie erlebt haben. Das ist der Anfang von Veränderung. Und manchmal, wenn ich in der Mobilen Bibliothek mitfahre oder eine neue Schule besuche, denke ich: Vielleicht wird dieses Mädchen hier einmal Lehrerin. Oder Ärztin. Oder sie übernimmt eines Tages meine Rolle im Projekt. Dann weiss ich: Es war richtig, nicht mehr zu schweigen.

– Sangeetha

Aus dem Englischen übersetzt und aufbereitet von Silvan Diener.